Führung unter Druck

Wenn Fachkräftemangel zum Spiegel der Organisation wird

Vielleicht funktionieren unter Fachkräftemangel nicht mehr die Strukturen. Vielleicht funktionieren vor allem die Menschen, die deren Schwächen kompensieren.

Offene Stellen, hohe Auslastung, steigende Anforderungen – und zugleich der Anspruch, Qualität und Leistung zuverlässig zu sichern. Für viele Organisationen ist Fachkräftemangel längst keine vorübergehende Personalfrage mehr, sondern eine dauerhafte Rahmenbedingung.

In meiner Beratungspraxis zeigt sich dabei eine interessante Dynamik: Organisationen reagieren auf Knappheit oft erstaunlich erfolgreich. Aufgaben werden umverteilt, erfahrene Mitarbeiter übernehmen mehr, Führungskräfte springen operativ ein, Teams improvisieren. Der Betrieb läuft weiter.

Genau darin kann ein Problem liegen. Denn solange engagierte Menschen die entstehenden Lücken schließen, bleibt leicht unsichtbar, dass die Organisation unter Bedingungen arbeitet, für die ihre bisherigen Strukturen möglicherweise nicht mehr gemacht sind.

Wenn Kompensation zum Organisationsprinzip wird

Eine unbesetzte Stelle wird zunächst durch Mehrarbeit aufgefangen. Ein erfahrener Mitarbeiter kennt den kurzen Weg. Eine Führungskraft löst einen Engpass selbst. Jede dieser Entscheidungen kann sinnvoll sein. Wiederholt sie sich jedoch dauerhaft, verändert sich ihre Bedeutung: Aus der Ausnahme wird eine Erwartung.

Besonders sichtbar wird das bei den Leistungsträgern. Auf sie ist Verlass. Sie übernehmen Verantwortung, kennen die informellen Wege und halten Abläufe zusammen. Gerade deshalb lohnt sich ein zweiter Blick: Was erzählt ihre besondere Leistungsfähigkeit über die Organisation?

Wenn ein Prozess nur funktioniert, weil eine Mitarbeiterin seit Jahren weiß, wie er zu umgehen ist, ist ihre Erfahrung eine Ressource – die Abhängigkeit von ihr aber ein Risiko. Wenn eine Führungskraft permanent einspringt, beweist das Verantwortungsbereitschaft. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wer führt eigentlich, während die Führungskraft die Organisation vor ihren Engpässen schützt?

Fachkräftemangel macht sichtbar, was vorher kompensiert wurde

Personalknappheit verursacht nicht jedes Problem. Häufig wirkt sie eher wie ein Brennglas. Unklare Zuständigkeiten, lange Entscheidungswege, historisch gewachsene Aufgaben oder Wissen, das nur bei einzelnen Personen liegt, lassen sich bei ausreichenden Ressourcen lange ausgleichen. Werden die Ressourcen knapp, gelingt diese Kompensation immer weniger.

Damit verschiebt sich die Perspektive. Die Frage lautet nicht mehr nur: Wie gewinnen und halten wir Mitarbeiter? Ebenso wichtig wird: Welche Form von Organisation brauchen wir unter veränderten Bedingungen?

Das führt zu unbequemen Fragen. Welche Leistungen können wir weiterhin zuverlässig erbringen? Welche Aufgaben sind tatsächlich notwendig? Wo warten Mitarbeiter auf Freigaben, die sie nicht bräuchten? Welche Abstimmungen schaffen Qualität – und welche vor allem Aufwand? Und welche Strukturen funktionieren nur deshalb noch, weil einzelne Menschen außergewöhnlich viel kompensieren?

Priorisieren heißt auch: etwas nicht tun

Unter knappen Ressourcen wird Führung häufig mit Priorisierung beantwortet. Doch Priorisierung ist mehr als eine Reihenfolge auf einer Aufgabenliste. Wer A wirklich priorisiert, muss irgendwann bereit sein, B später, anders – oder gar nicht – zu tun.

Genau hier wird Führung anspruchsvoll. Qualität, Geschwindigkeit, Wirtschaftlichkeit, Verlässlichkeit und Mitarbeitergesundheit lassen sich nicht beliebig gleichzeitig maximieren. Führung kann diese Widersprüche nicht abschaffen. Sie muss sie sichtbar machen und dafür sorgen, dass die Organisation trotzdem entscheidungsfähig bleibt.

Das bedeutet auch, Grenzen auszusprechen: Was ist unverzichtbar? Was ist wünschenswert? Was können wir unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr leisten? Und wer trägt die Konsequenzen dieser Entscheidung?

Nicht jede Überlastung ist ein individuelles Problem

Wenn Menschen dauerhaft an ihre Grenzen kommen, liegt der Blick auf Resilienz, Selbstführung oder individuelle Entlastung nahe. Das kann sinnvoll sein. Es reicht aber nicht immer.

Denn Überlastung kann auch eine Information über die Organisation sein. Dann lautet die Frage nicht nur: Wie können wir diesen Menschen stärken? Sondern ebenso: Was erfahren wir durch seine Überlastung darüber, wie wir Arbeit organisiert haben?

Damit verändert sich der Ort, an dem nach Lösungen gesucht wird. Nicht ausschließlich der Mensch soll sich besser an knappe Ressourcen anpassen. Auch die Organisation muss prüfen, ob ihre Aufgaben, Entscheidungswege und Erwartungen noch zu den Bedingungen passen, unter denen heute gearbeitet wird.

Die entscheidende Frage liegt hinter dem Problem

Führung kann den Arbeitsmarkt nicht verändern. Sie kann aber beeinflussen, wie eine Organisation mit Knappheit umgeht: indem sie versucht, das Bestehende mit immer größerem persönlichen Einsatz aufrechtzuerhalten – oder indem sie die Knappheit zum Anlass nimmt, die eigenen Muster genauer zu betrachten.

Professionelle Beratung kann dafür einen Beobachtungsraum schaffen. Nicht, um von außen die eine richtige Lösung zu liefern, sondern um sichtbar zu machen, was im Alltag selbstverständlich geworden ist: Welche Probleme lösen unsere zuverlässigsten Mitarbeiter jeden Tag? Wo ist aus Improvisation eine dauerhafte Erwartung entstanden? Was würden wir sehen, wenn unsere Leistungsträger einmal nicht kompensieren würden?

Fachkräftemangel ist deshalb nicht nur eine Frage fehlender Menschen. Er ist auch eine Anfrage an die Veränderungsfähigkeit der Organisation.

Vielleicht lautet die entscheidende Führungsfrage daher nicht: Wie schaffen wir mit weniger Menschen weiterhin alles? Sondern: Was müssen wir an unserer Organisation verändern, damit Menschen nicht dauerhaft kompensieren müssen, was strukturell nicht mehr funktioniert?